Spinnmilben

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Spinnmilben
Gurken Spinnmilben-Frl-DLR-JK--03 (NXP).JPG
Gurkenblätter mit starken Spinnmilben Schaden (Jochen Kreiselmaier)
Systematik
Klasse Spinnentiere
Arachnida
Ordnung Milben
Acari
Unterordnung Prostigmata
Familie Spinnmilben
Tetranychidae

Spinnmilben (Acari: Tetranychidae) gehören zu den Spinnentieren und sind bedeutende Schädlinge im Obst-, Wein-, Gemüse- und Zierpflanzenbau. In Deutschland treten hautsächlich die Obstbaumspinnmilbe Panonychus ulmi und die Gemeine oder Bohnenspinnmilbe Tetranychus urticae als Schädlinge auf. Beide Arten werden auch unter dem Begriff "Rote Spinne" zusammengefasst. Wie der Name schon vermuten lässt, sind die meisten Spinnmilbenarten dazu in der Lage, feine Spinnfäden und/oder Gespinste zu produzieren. Dadurch unterscheiden sie sich von den Tenuipalpidae, den unechten Spinnmilben, die keine Greifklaue an den Palpen besitzen und keine Gespinste bilden. [1]

Merkmale

Spinnmilben sind sehr kleine, nur ca. 0,3 bis 0,8 mm messende Milben. Ihre Körpergestalt ist birnenförmig, die Körperfarbe variiert von gelblich, grünlich oder orangegelb bis rot. Die Färbung kann vom Alter der Tiere oder der aufgenommenen Nahrung abhängen. Spinnmilben sind weichhäutig, ihr Körper ist mit Borsten besetzt. Manche Arten besitzen zwei dunkle, pigmentierte, lichtempfindliche Augenflecke auf dem Rücken. [2] Die Männchen sind etwas schlanker und kleiner als die Weibchen. [3]

So entstehen die Spinnfäden

Von einem Gespinst überzogene Gerberablüte

Die Mundwerkzeuge bestehen aus den stilettartigen Cheliceren und den Pedipalpen, die mit einer Greifklaue ausgestattet sind. An der Oberlippe (Labrum) münden paarige Spinndrüsen. Beim Spinnen fließt das Sekret der Spinndrüsen an den sich bewegenden Stiletten der Cheliceren entlang. Das Sekret wird mit den Cheliceren auf den Untergrund getupft und mit den Pedipalpen abgebürstet. Dadurch entsteht ein doppelter Faden, der beim Erstarren zu einem einheitlichen Fadenstrang verschmilzt. Die Gespinste werden zwischen zwei Blattnerven oder dem Winkel der Nervenverzweigungen ausgespannt. Die Gespinste bestehen meist aus mehreren Lagen, die durch senkrechte, pfeilerähnliche Fäden verbunden sind. Bei Kolonie-bildenden Arten vereinigen sich die Gewebe zahlreicher Individuen zu dichten filzartigen Matten. [4]
Bryobia-Arten spinnen keine Schutzgewebe.

Lebensweise

Gemeine Spinnmilbe und Eier auf Blattunterseite

Fast alle Spinnmilben sind Pflanzenparasiten, wobei alle beweglichen Stadien an Pflanzen saugen. Mit ihren nadelförmigen Cheliceren werden einzelne Pflanzenzellen angestochen und ausgesaugt. Die Entwicklung verläuft vom Ei über Larven-, Protonymphen- und Deutonymphenstadium hin zur ausgewachsenen Milbe. Vor jeder Häutung wird eine Ruhephase eingelegt. [2] Die Larven besitzen sechs, die Nymphen und die Adulten jeweils acht Beine. Spinnmilben sind meist arrhenotok parthenogenetisch, d.h. Nachkommen männlichen Geschlechts schlüpfen aus unbefruchteten Eiern durch Jungfernzeugung (Parthenogenese). [2]
Die Eier werden an die Blätter geklebt oder mit Hilfe von Spinnfäden daran befestigt.

Die Entwicklung im Freiland wird durch trockene, warme Witterung gefördert. Feuchtigkeit, insbesondere häufige Regengüsse, können die Populationsdichte deutlich reduzieren.

Spinnmilben treten an vielen verschiedenen Kulturen als Schädlinge auf, beispielsweise Bohnen, Gurken, Äpfel, Birnen, Pfirsich, Zwetschen, Weinreben. An Koniferen schädigen sie Chamaecyparis (Scheinzypressen) und Picea (Fichten). An Zierpflanzen treten Spinnmilben an Abutilon, Anthurium, Chrysanthemum, Hibiscus, Hedera, Hydrangea macrophylla, Kakteen, Nelken, Palmen, Pelargonium, Rosen und anderen auf. [5]

Schädliche Arten (Auswahl)

Art Wirtspflanzen
Tetranychus urticae (Gemeine Spinnmilbe) mehr als 100 Wirtspflanzen in den gemäßigten Breiten
  • weltweit verbreitet
  • Problemschädling im Zierpflanzen- und Gemüsebau unter Glas
  • Im Freiland schädlich an Gemüse, Zierpflanzen, Hopfen, Obst, Weinreben
  • Überwinterung der Weibchen
  • Eier kugelförmig und opalfarben
  • Rückenflecken als charakteristisches Merkmal
  • Kontrolle im Gewächshaus durch die Raubmilbe Phytoseiulus persimilis
Tetranychus cinnabarinus (Karminspinnmilbe)
  • verschiedene krautige Pflanzen
  • Kakteen
  • subtropische Art, in ganz Europa vorkommend, in gemäßigten Breiten nur im Gewächshaus
  • kann sich im Gewächshaus mit Tetranychus urticae kreuzen und Hybridpopulationen bilden
  • ähnlich Tetranychus urticae; ausgewachsene Weibchen meist rot mit dunklen Flecken an der Körperseite
  • überzieht die Wirtspflanze mit dichten Gespinsten
Panonychus ulmi (Obstbaumspinnmilbe) Verschiedene Obstbaumarten, Weinreben
  • Bedeutender Schädling im Obst- und Weinbau
  • Überwinterung als Ei an Triebenden; Eier sind zwiebelförmig und rot gefärbt
  • biologische Kontrolle durch die Raubmilbe Typhlodromus pyri von großer Bedeutung im integrierten Pflanzenschutz
Panonychus citri (Zitrusspinnmilbe) Citruspflanzen bedeutender Schädling in Citrus-Gebieten vieler Länder
Eotetranychus telarius (syn. tiliarium) (Lindenspinnmilbe) vornehmlich Linde
  • Massenauftreten an Linden
  • bis zu 200.000 Tiere wandern im Herbst zur Überwinterung stammabwärts
  • Baumstamm wird dabei komplett mit einem Gespinst überzogen, das von weitem Eis oder Raureif ähnelt
  • Überwinterung in Rindenschuppen oder am Erdboden
Oligonychus ununguis (Fichtenspinnmilbe) häufiger und fast weltweit verbreiteter Schädling an Koniferen, insbesondere an jungen Fichten
  • Überwinterung der Eier an den Trieben
  • bis zu 5 Generationen pro Jahr
  • großflächige Gespinste
Bryobia kissophila (Efeuspinnmilbe) häufig an Efeu (Hedera helix)
  • in ganz Europa verbreitet
  • Bryobia-Arten spinnen keine Schutzgewebe
Bryobia cristata (Grasmilbe) Wechselt im Sommer von krautigen Pflanzen auf Laubgehölze, dort zwei Sommergenerationen
Bryobia rubrioculus (Braune Obstbaumspinnmilbe) Obstgehölze und verwandte Ziergehölze (Malus Zierapfel, Prunus Zierkirsche)
  • in extensiv bewirtschafteten Anlagen
  • Überwinterung als Ei
  • nicht mehr als drei Generationen pro Jahr
  • keine Männchen bekannt: Vermehrung durch Parthenogenese
  • abgestreifte Häutungsreste in großen Mengen auf Unterseiten von Trieben und Blättern
Bryobia praetiosa (Kleemilbe, Stachelbeermilbe) polyphag an krautigen Pflanzen
  • mit 0,8 mm eine der größten Spinnmilbenarten
  • wellenförmig strukturierte Kutikula
  • Überwinterung als Ei
  • bisher sind nur weibliche Tiere bekannt
  • schädlich an Stachelbeer- und Johannisbeersträuchern
  • zuweilen auch in Gebäude eindringend, wo sie sich in Spalten und Ritzen häuten und ihre Eier ablegen

Nähere Informationen zu den zwei wichtigsten in Deutschland auftretenden Arten finden Sie auf diesen Seiten:

Schadbild

Durch das Anstechen und Aussaugen einzelner Pflanzenzellen entstehen zunächst einzelne weiße oder gelbliche punktförmige Flecken auf Blättern oder Blüten. Bei zunehmendem Befall dehnen sich die Flecken weiter aus, die Epidermis zerfällt. Die Pflanzen vergilben zusehends, bis die Blätter schließlich zu stark geschädigt sind und vertrocknen. Aufgrund der Spinntätigkeit der meisten Arten sind befallene Pflanzen entweder mit feinen Spinnfäden oder dichten Gespinsten überzogen, auf deren Unterseite sich die Milben, geschützt vor Regen, Austrocknung und dem Herabfallen, bewegen. Oftmals geht der Befall mit Kümmertrieben, gestauchtem Wuchs und/oder eingerollten Blättern einher.

Bekämpfung

Vorbeugende Maßnahmen und Bekämpfung im Unterglasanbau und Zierpflanzenbau

Als wichtigste vorbeugende Maßnahme ist der Einsatz von Raubmilben (hauptsächlich Phytoseiulus persimilis) zu nennen. Im Gewächshaus ist trockenwarmes Klima zu vermeiden. Im Freiland wird empfohlen, die Kulturen tagsüber mit Wasser zu besprühen und für ein kühles Mikroklima zu sorgen. [5]

Sollte doch ein Einsatz von Akariziden nötig sein, ist folgendes zu beachten:

  • in kurzen Intervallen spritzen, mit einem besonderen Augenmerk auf die Blattunterseiten
  • durch Wirkstoffwechsel Resistenzbildung vermeiden
  • nützlingsschonende Mittel verwenden
  • schwefelhaltige Präparate wirken vorbeugend und entwicklungshemmend

Bekämpfung im Freiland

Die Raubmilbe Typhlodromus pyri auf der Jagd nach Roter Spinne

Im Obst- und Weinbau verhindert durchschnittlich eine Raubmilbe pro Blatt der Art Typhlodromus pyri die Ausbreitung von Spinnmilben. Durch die Anwendung Raubmilben schonender Pflanzenschutzmittel und anderer nützlingsfördernder Maßnahmen, beispielsweise die Schaffung von Kleinstbiotopen und strukturierten Lebensräumen, kann auf den Einsatz von Akariziden normalerweise vollständig verzichtet werden. Die gezielte Ansiedlung von Raubmilben in Junganlagen durch Schnittholz im Winter oder Laub aus Ertragsanlagen im Sommer führt zu einem schnelleren Aufbau einer stabilen Raubmilbenpopulation. Bei Spinnmilbenbefall in Junganlagen oder bei Überschreiten der jeweiligen Schadensschwelle ist der Einsatz eines geeigneten Akarizids nötig. Insbesondere bei Organophosphaten besteht jedoch die Gefahr der Reistenszbildung. Allgemein ist die Wahl eines geeigneten Mittels von der Kultur und dem Applikationszeitpunkt abhängig. Bei Spinnmilben gestaltet sich die Bekämpfung mit chemischen Mitteln insofern problematisch, da viele Akarizide nicht alle Entwicklungsstadien ausreichend erfassen. Die Wirkstoffe Fenpyroximat und Tebufenpyrad können in vielen Kulturen wirksam gegen Spinnmilben eingesetzt werden (siehe Abschnitt Aktuell zugelassene Pflanzenschutzmittel).

Bekämpfungsmöglickeiten der Obstbaumspinnmilbe und der Gemeinen Spinnmilbe finden sich auf den entsprechenden Seiten (Obstbaumspinnmilbe, Gemeine Spinnmilbe).

Aktuell zugelassene Pflanzenschutzmittel

Aktuell zugelassene Akarizide können bei PS Info abgerufen werden:

Für den Erwerbsgartenbau (Profi-Bereich) steht die Datenbank unter folgenden Adressen zur Verfügung

Die einzelnen Einsatzgebiete können unter folgenden Instanzen abgerufen werden:

Da im Haus- und Kleingartenbereich die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln gesondert geregelt ist, gibt es in diesem Bereich auch eine andere Zulassungssituation. Daher steht die Datenbank unter folgender Adresse zur Verfügung:

Für den Weinbau (Profi-Bereich) ist die Datenbank unter folgenden Adressen erreichbar


Weitere Einsatzgebiete

Unter folgenden Adressen kann PS Info erreicht werden

Videos

Quellen

  • Alford, D. V. (1997): Farbatlas der Schädlinge an Zierpflanzen. Ferdinand Enke Verlag. Stuttgart. ISBN 3-432-27841-1
  • Bürki, M., Gut, P. und Schloz, W. (2007): Bildatlas Pflanzenschutz an Zier- und Nutzpflanzen. Ulmer. Stuttgart. ISBN 978-3-8001-5497-5
  • Hoffmann, G.M., Nienhaus, F., Poehling, H.-M., Schönbeck, F., Weltzien, H.C., Wilbert, H. (1994): Lehrbuch der Phytomedizin. Blackwell Verlag. Berlin. ISBN 3826330080
  • Mohr, H. D. (Hrsg.) (2005): Krankheiten, Schädlinge und Nützlinge an der Weinrebe. Ulmer. Stuttgart. ISBN 3-8001-4148-5
  • Füller, H., Gruner, H.-E., Kilias, R., Moritz, M. (2000): Die große farbige Enzyklopädie Urania-Tierreich Wirbellose Tiere 2. Urania. Berlin. ISBN 3-332-01175-8


Einzelnachweise

  1. Alford, D. V.: Farbatlas der Schädlinge an Zierpflanzen. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1997, S. 414
  2. a b c Hoffmann, G.M., Nienhaus, F., Poehling, H.-M., Schönbeck, F., Weltzien, H.C., Wilbert, H.: Lehrbuch der Phytomedizin. Blackwell Verlag, Berlin 1994, S. 137
  3. Mohr, H. D. (Hrsg.): Krankheiten, Schädlinge und Nützlinge an der Weinrebe. Ulmer, Stuttgart 2005, S. 159, 162
  4. Füller, H., Gruner, H.-E., Kilias, R., Moritz, M.: Die große farbige Enzyklopädie Urania-Tierreich Wirbellose Tiere 2. Urania, Berlin 2000, S. 300
  5. a b Bürki, M., Gut, P. und Schloz, W.: Bildatlas Pflanzenschutz an Zier- und Nutzpflanzen. Ulmer, Stuttgart 2007, S. 78


Weblinks