Schossverhalten wichtiger Gemüsearten

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Bei einer Reihe von Gemüsearten kommt es trotz züchterischer Verbesserungen und anbautechnischer Maßnahmen in der Anzucht und im Feld immer wieder zu unerwünschter, vorzeitiger Blütenbildung (Schossen). Bei Gemüse spielt dabei die Wirkung der Tageslänge (Photoperiodismus) auf die Blütenanlage (Blüteninduktion) eine untergeordnete Rolle. Unsere geläufigen Gemüsearten der gemäßigten Zonen gehören dabei in Anpassung an ihr Herkunftsland zum Reaktionstyp Langtagpflanzen, die in der Regel eine geringe photoperiodische Empfindlichkeit aufweisen.
Von wesentlich größerer Bedeutung für die Praxis ist die Blüteninduktion durch Kälteeinwirkung (Vernalisation). Viele zweijährige und überwinternde Gemüsearten bleiben ohne Kälteeinwirkung vegetativ, das Kältebedürfnis wird deshalb als obligatorisch oder absolut bezeichnet. Bei einigen Arten hat die Vernalisation einen fördernden Einfluss auf Anlage und Ausbildung der Blüten. Man spricht dann von einem fakultativem Kältebedürfnis. Die Vernalisation ist in einem weiten Temperaturbereich (z.B. + 0 bis 16°C) möglich, wobei Temperaturen von 8 bis 12°C besonders wirksam sind und nur eine kurze Einwirkungsdauer erfordern.
Die Kältereizaufnahme kann bei den Gemüsearten in unterschiedlichen Entwicklungsstadien beginnen. Im Normalfall ist die Vernalisation erst nach Abschluss einer Jugendphase, d.h. nach Erreichen einer bestimmten Blattzahl, wirksam. Frühe Sorten haben dabei eine kürzere Jugendphase. In seltenen Fällen kann der Kältereiz bereits bei der Embryoentwicklung im Samen auf der Mutterpflanze wirksam werden. Bei Chinakohl oder japanischen Hybridrettichen gibt es keine Jugendphase. Hier kann die Kälte bereits unmittelbar nach der Aussaat auf den gequollenen Samen einwirken und bei artspezifischer Dauer ein starkes vorzeitiges Schossen auslösen.
Durch gezielte Temperaturerhöhung über dem induktiven (Schosser auslösenden) Temperaturbereich in der Anzucht oder durch Folien- bzw. Vlieseinsatz nach der Saat oder Pflanzung, insbesondere in der Ernteverfrühung, wird dem Schossen vorgebeugt. Die Wirkung von hohen Temperaturen ist dabei unterschiedlich.
Antivernalisationseffekte werden speziell in der Jungpflanzenanzucht genutzt, indem durch eine Wärmebehandlung in der frühen Entwicklungsphase die Blattanlagen erhöht werden und die Kälte erst nach der Auspflanzung langsam den Abbau des „Wärmeberges“ und die Blütenanlage einleiten kann. Frühkulturen wie Chinakohl, Endivien u.a. können so noch ein ausreichendes Kopfgewicht zur Ernte erreichen, bevor Schosser die Vermarktbarkeit der Ware ausschließen.
Andererseits gibt es viele Gemüsearten, die devernalisierbar sind. Eine schwache Vernalisation kann jeweils durch Phasen hoher Temperaturen in ihrer Wirkung auf die Blütenanlage wieder rückgängig gemacht werden. Ein typisches Beispiel sind niedrige, vernalisierungswirksame Nachttemperaturen im März/April, die durch hohe Tagtemperaturen unter einer Folienbedeckung in ihrer Wirkung wieder aufgehoben werden. Auch die Streckung bereits angelegter Blütentriebe wird gehemmt.
Während und besonders nach erfolgter Vernalisation kann die Tageslänge, insbesondere der Langtag, die Geschwindigkeit der Blütenbildung beschleunigen.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die wesentlichen Zusammenhänge bei wichtigen Gemüsearten.

Gemüsearten Kälte-
bedürfnis
Beginn der
Reizaufnahme
Wirksamer
Temperaturverlauf °C
Werte in ( ) geschätzt
Einwirkungs-
dauer
(in Wochen)
Devernalisation
(De- kann heilen)
Antivernalisation
(Anti- kann vorbeugen)
Photoperiode
Kurztag(KT) +
Langtag(LT)
F=Fakultiv
obligatorisch fakultativ Embryo auf
Mutterpflanze
Samen nach der
Quellung
Austritt der
Keimwurzel
Pflanzen ab
spez. Größe
Mindestblattzahl
(BLZ), Jugend-
phase
von besonders gut
wirksam bei
bis Minimum bis Maximum Typ nötige Temp. KT/LT= KT während,
LT nach Vern.
Artischocke O K P 0 2-7 (15) 2-4 De >18°C (KT)/LT F
Blumenkohl O P (4-12) 0 10 16/30 1-6 De, gering
Brokkoli F P (>4) (0) 5 (20) 2-4
Chicoree O E S K P (0) 5 12 4-8 De LT F
Chinakohl O S K P 0 5-8 20 1-4 Anti >20°C LT F
Endivie F S K P (0) 4 17 3-4 Anti >20°C LT F
Erbse F E S K ? 4-7 2-4 De+Anti LT F
Feldsalat O P (0) 0-2 14 2
Grünkohl O P (>4) (0) 6 13 3-5
Kohlrabi O P (>2) (0) 5 12 4-8 De, stark >16°C
Kopfkohl O P (4-15) 0 4-7 12 4-20 De, stark >16°C (LT) F
Kopfsalat F E S K P 0 2-5 12 2-3 De LT F
Möhre O P (>8) 0 2-6 10 5-12 De >20°C LT/KT F
Pastinaken O P (0) 2 10 6-10
Petersilie O P (>5) (0) 2-6 (10) (5-8)
Porree O F P (>2) 0 5-8 18 4-6 LT F
Radies F K ? 5 1-3 LT F
Rettich O F K P 0 5-8 15 1-4 De >20°C LT F
Rhabarber O P 0 <10 12-16
Rosenkohl O P (>15) (0) 4-7 (12) 5-9
Rote Rübe O E S K P (0) 5-9 18 3-5 De, stark >18°C LT F
Schwarzwurzel O S K P (0) 2 3
Sellerie O P (>2) 0 5-8 14 2-5 De+Anti >20°C KT/LT F
Speiserübe O K P (0) 7 18 2-4 De >18°C
Spinat F S K P 0 5-8 12 1-3 LT O/F
Tomate F P <16 1-2 (KT)
Zwiebel O P (4-6) 2 9-13 18 4-12 De+Anti >20°C LT F

Quellen

Helmut Krug (1991): Gemüseproduktion. Paul Parey Verlag. Berlin. ISBN 3-489-55722-0