Kohldrehherzgallmücke

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Kohldrehherzgallmücke
Contarinia nasturtii
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Kohldrehherzgallmücke
Systematik
Klasse Insekten
Insecta
Unterklasse höhere Insekten
Pterygota
Ordnung Zweiflügler
Diptera
Unterordnung Mücken
Nematocera
Familie Gallmücken
Cecidomyiidae

Die Kohldrehherzgallmücke, auch Kohldrehherzmücke oder einfach Drehherzmücke, befällt verschiedene Pflanzen aus der Familie der Brassicaceae, besonders Brokkoli, Rosenkohl und Blumenkohl, aber auch Kopfkohl, Raps, Senf, Ölrettich und Unkräuter, wie z.B. die Wegrauke. Die an Kohlkulturen entstehenden Schäden können bis hin zum Totalausfall führen.

Schadbild

Der Befall mit der Kohldrehherzgallmücke ist schwer zu diagnostizieren und kann mit anderen Schadensursachen, wie zum Beispiel mechanischen Schäden, Verätzungen durch Dünger- oder Pflanzenschutzmittel, Molybdänmangel, Herbizid-, Kälte- oder Hitzeschäden verwechselt werden. Problematisch ist hierbei, dass der Schädling meist schon nicht mehr da ist, wenn sich die Schäden deutlich zeigen.

Die durch Kohldrehherzmücken verursachten Schäden entstehen durch die Lebensweise und die Nahrungsaufnahme der Larven. Die erwachsenen Mücken selbst verursachen keine Schäden. Die Larven geben zur Nahrungsaufnahme einen toxinhaltigen Speichel ab, der punktuell die oberen Zellschichten der betroffenen Gewebepartien zerstört, indem er diese auflöst und sie verflüssigt. Der austretende Zellsaft wird dann von den Larven als Nahrung aufgenommen. Wächst die Pflanze anschließend weiter, kommt es an den geschädigten Blättern zu Verdrehungen ("Drehherzmücke"), Verkorkungen und Missbildungen. Wird von den Larven der Vegetationspunkt zerstört, entsteht Herzlosigkeit. Im weiteren Wachstumsverlauf zeigen sich später dann, im Bereich des zerstörten Vegetationspunktes, größere, schorfige Gewebepartien. Oft bilden herzlose Pflanzen zudem auch verstärkt Seitentriebe aus.

Bei Blumenkohl und Brokkoli können auch Schäden an den Blumen entstehen, wenn die Eier erst zum Zeitpunkt des Blumenansatzes an den Pflanzen abgelegt werden. Durch die Schädigung der Haupt- und Seitenachsen der noch jungen Blütenstände entwickeln sich die Blumen nicht normal. Es kommt zu verkrüppelten, im Innern schorfigen Köpfen, die nicht mehr Vermarktungsfähig sind. In diesen Kulturen muss daher bis zum deutlich sichtbaren Blumenansatz auf möglichen Befall kontrolliert werden.

Biologie

Die adulte Mücke ist rötlich braun gefärbt und nur 1,5 bis 2 mm groß. Daher ist sie mit bloßen Auge im Bestand schwer zu erkennen. Die ersten Mücken erscheinen ab Anfang Mai, ungefähr zum Zeitpunkt des Blühbeginnes von Holunder. Der Schlupf erfolgt, nach Erreichen einer bestimmten Temperatursumme, aus den noch vom Vorjahr im Boden liegenden Puppen. In Gemüsebaugebieten, in denen die Kulturen mit Vlies oder Folie verfrüht werden, können die ersten Mücken schon früher auftreten, da die für den Schlupf notwendige Temperatursumme unter den Bedeckungen schneller erreicht wird.

Nach der Befruchtung der weiblichen Mücken legen diese ihre Eier in Gruppen von bis zu 20 Eiern in der Nähe des Vegatationspunktes, am Blattgrund junger Blätter oder an den Achsen der Blütenstände, ab. Eine stärkere Eiablage erfolgt erst bei Temperaturen von > 15°C. Die Eier sind glatt, sehr klein (0,3 x 0,08 mm) und nahezu durchscheinend. Daher sind sie mit bloßem Auge nicht zu erkennen.

3-5 Tage nach der Eiablage schlüpfen die zunächst nahezu durchsichtigen, später gelblichen, bis 2 mm langen, fußlosen Larven. Die Larven geben zur Nahrungsaufnahme einen toxinhaltigen Speichel ab, der punktuell die oberen Zellschichten der betroffenen Gewebepartien zerstört, indem er diese auflöst und sie verflüssigt. Der austretende Zellsaft wird dann von den Larven als Nahrung aufgenommen. Die Larvenentwicklung ist stark temperatur- und feuchtigkeitsabhängig. Bis zur Verpuppung dauert es normalerweise 10-12 Tage. Die vollständig entwickelten Larven sind gelblich und mit bloßem Auge sichtbar. Bei Regen oder sehr hoher Luftfeuchte lassen sich die Larven auf den Boden fallen. In wenigen Zentimetern Tiefe verpuppen sich die Larven. Bei normaler Bodenfeuchte dauert es nochmals 10-12 Tage, bis die Mücken der nächsten Generation schlüpfen. Bei Trockenheit oder anderen ungünstigen Bedingungen kann die Puppe auch längere Zeit im Boden überdauern (Diapause).

Der gesamte Entwicklungszyklus dauert 24-31 Tage. In feuchten Wetterperioden entwickelt sich der Schädling besonders gut. Trockenheit und Hitze hemmen die Entwicklung. Witterungsabhängig können in warmen Regionen bis zu 5 Generationen pro Jahr auftreten. Die Mücke selbst lebt nur einige Tage.

Bekämpfung

Da die Kohldrehherzmücke im Boden als Puppe auf der Fläche überdauert, kommt der Fruchtfolge eine besondere Bedeutung zu. Ein hoher Befallsdruck lässt sich bedeutlich reduzieren, wenn in einem Gebiet für zwei Jahre keine Kohlgewächse angebaut werden.

Die Kohldrehherzmücke bevorzugt windgeschützte Standorte. Da die Mücke sehr klein ist, ist das Insekt nicht in der Lage, gegen den Wind zu fliegen. Beobachtungen in der Pfalz, bei denen z.B. an einem Feldende der Befall 90% betrug (windgeschützt), an dem anderen Ende aber nur 10% (windoffen) bestätigen dies. Stark gefährdet sind Flächen, die unmittelbar an Felder mit Vorjahresbefall grenzen. Da die Kohldrehherzmücke als Puppe im Boden überwintert, kann es im nächsten Frühjahr zur Einwanderung von der benachbarten Vorjahresbefallsfläche kommen. Beobachtungen zeigen, dass die Befallsstärke mit zunehmender Entfernung von einer im Vorjahr befallenen Nachbarfläche abnimmt. Bei der Standortwahl sollten deshalb windoffene Lagen bevorzugt und Flächen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Vorjahresbefallsflächen gemieden werden. Hierbei sollte ein Sicherheitsabstand von mindestens 100 m zu letztjährigen Befallsflächen eingehalten werden.

Befallene Bestände müssen nach der Ernte sofort gemulcht und eingepflügt werden, um eine weitere Entwicklung der vorhandenen Larven zu verhindern. Es gilt: Letzter Erntetag = Feldhygienetag! Insbesondere bei Brokkoli kann es ansonsten zur ungehinderten Massenvermehrung an den Vegatationspunkten der oft vorhandenen, vielen Seitentriebe kommen und der im Gebiet vorhandene Befallsdruck steigt weiter massiv an.

Um Schäden zu verhindern ist es sinnvoller, mit selektiven Klebefallen, die Pheromone der Kohldrehherzmückenweibchen enthalten, den Flugzeitpunkt der einzelnen Generationen des Schadinsektes zu bestimmen. Pro Feld werden zwei Pheromonfallen in ausreichend großem Abstand voneinander aufgestellt. Die Fallen sollten mindestens wöchentlich, besser 2x pro Woche kontrolliert werden. Eine chemische Bekämpfung sollte erfolgen, wenn pro Falle und Woche 10 Kohldrehherzmücken gefangen wurden. Damit ist eine gezielte, chemische Bekämpfung der Mücken und somit eine Verhinderung der Eiablage möglich. Eine Erfassung des Flugzeitpunktes mit Gelbtafeln funktioniert prinzipiell auch, ist aber durch die Verwechselungsgefahr der Kohldrehherzmücke mit anderen Gallmückenarten, aufgrund der großen Ähnlichkeit, nur für Experten möglich.

Eine chemische Bekämpfung muss beim Erreichen der kritischen Fangzahl (10 Tiere/Woche/Falle) erfolgen. Bei der Durchführung ist es sinnvoll, mit hohen Wasseraufwandmengen und mit dem Zusatz von Netzmitteln (Superspreiter) zu arbeiten. Wichtig ist eine gute Benetzung der Pflanzenherzen, da sich dort die schädigenden Larven aufhalten. Gute Erfahrungen wurde mit dem Einsatz von Pyrethroiden gemacht. Den aktuellen, für Deutschland gültigen Zulassungs-/Genehmigungsstand für die jeweilige Kohlkultur ist recherchierbar im Pflanzenschutz-Informationsportal PS Info
.

Eine weitere Möglichkeit, eine Eiablage zu verhindern, ist die Auflage von feinmaschigen (0,8 x 0,8 mm) Kulturschutznetzen. Netze bieten aber nur einen sicheren Schutz, wenn diese frühzeitig, vor dem Flugbeginn der Kohldrehherzmücke und auf befallsfreien Flächen aufgelegt werden. Liegen aus dem Vorjahr noch Puppen im Boden, können auch unter dem Netz Schäden entstehen.

Quellen

J. Schlaghecken und J. Kreiselmaier (2002): Blumenkohl CD-ROM, Bild- und Textdokumentation. DLR Rheinpfalz. Neustadt an der Weinstraße. 

C. Sauer, S. Fähndrich (Extension Gemüsebau Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW) (2011): Die Kohldrehherzgallmücke (Contarinia nasturtii): Biologie, Schadbilder und Bekämpfungwww.hortigate.de

J. Schlaghecken, J. Kreiselmaier (DLR Rheinpfalz) (2002): Kohldrehherzgallmücke (Contarinia nasturtii)www.hortigate.de

Weblinks