Kirschessigfliege

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Kirschessigfliege
Drosophila suzukii
Synonyme
Fruchtfliege, Cherry Vinega fly (CVF), Spotted wing Drosophila (SWD)
D suzukii beide.jpg
Systematik
Klasse Insekten
Insecta
Ordnung Zweiflügler
Diptera
Unterordnung Fliegen
Brachycera
Familie Taufliegen
Drosophilidae

Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) ist ein polyphager Schädling, der viele weich-fleischige Früchte im Obst und Weinbau befällt. Heimisch ist die Kirschessigfliege in weiten Teilen Asiens. Erst vor wenigen Jahren ist sie nach Nordamerika eingeschleppt worden. Von dort aus hat sie sich schnell ausgebreitet und hat seither beächtliche Schäden verursacht [1]. Sie gehört wie die Schwarzbäuchige Taufliege (Drosophila melanogaster) in die Familie der Essigfliegen (Drosophilidae). Die meisten Arten dieser Familie sind allerdings im Wein- und Obstbau nicht schädlich, da sie ausschließlich überreifes, herabgefallenes, verfaulendes bzw. beschädigtes Obst befallen. Die Weibchen von Drosophila suzukii hingegen legen ihre Eier in reifende, unbeschädigte weichschalige Obst- und Weinsorten ab [2]. Die Früchte sind durch den Befall mit Drosophila suzukii nicht mehr zu vermarkten, da die Larven (Maden) durch ihren Fraß das Fruchtfleisch zerstören[1].

Verbreitung

Heimisch ist Drosophila suzukii in Japan (Honshu), China, Korea und Thailand. Im Jahr 1980 wurde sie auf Hawai registriert, seit 2008 ist sie in Kalifornien bekannt und seit 2009 in Florida. Höchstwahrscheinlich ist sie in allen südlichen US-Staaten verbreitet. In Kanada wurde sie in British Columbia festgestellt [1]

Im Jahr 2009 wurde Drosophila suzukii in den drei europäischen Ländern Italien (Trentino, Kalabrien), Frankreich (Languedoc-Rousillion, Provence-Alpes-Côte-d'Azur, Korsika) und Spanien (Südkatalonien) festgestellt. Eine Verschleppung über größere Distanzen erfolgt über den Transport befallener Früchte. Die Ausbreitung im näheren Umkreis erfolgt über den Flug der Insekten. Höchstwahrscheinlich findet keine Verbreitung über die Pflanze statt, wenn diese keine Früchte trägt. Da die klimatischen Bedingungen für eine Ansiedlung dieses Schädlings in den meisten europäischen Ländern vorhanden sind, ist mit einer weiteren Verbreitung zu rechnen [1] [2].

Wirtspflanzen

Der Wirtspflanzenkreis von Drosophila suzukii ist sehr groß. In der Regel befällt sie alle weichschaligen Früchte von Kultur- als auch Wildpflanzen und alle bereits beschädigten Obstarten wie beispielsweise Äpfel.[3] Unbeschädigte Äpfel sind vom Befall ausgenommen, da offenbar die Fruchtschale zu dick ist.[4] Wirtschaftliche Schäden sind in Europa bislang im Steinobstbereich bei Süßkirsche, Pfirsich, Nektarine, Pflaume und Mirabelle bekannt, im Beerenobst bei Heidelbeere, Brombeere, Himbeere und Erdbeere, Weintrauben sowie an exotischen Obstsorten wie Kiwi, Kaki, Feige. [3] Im Labor konnte sie auch an Tomaten gezüchtet werden [1] Auffällig ist die unterschiedliche Anfälligkeit der Obstsorten. Es bleibt zu klären, ob flüchtige anlockende oder repellente Substanzen, die Oberflächenstruktur der Früchte (z.B. Fruchthaut, Wachsbelag) oder bestimmte Inhaltsstoffe der Früchte für die Wahl als Wirtspflanze eine Rolle spielen [5].

Biologie

Das besondere Risiko an Drosophila suzukii ist ihre potentiell hohe Vermehrungsrate. So konnte sie sich beispielsweise in den USA in nur zwei bis drei Jahren in den Obst- und Weinbaugebieten massiv ausbreiten[6]. In den heimischen Gebieten wie Japan sind bis zu 15 Generationen pro Jahr bekannt. Eine Generation benötigt dabei im Schnitt 14 Tage [1]. In Deutschland kann je nach Fruchtart, Region und Anfälligkeitszeitraum mit mehreren Generationen gerechnet werden [6]. Drosophila suzukii benutzt nach bisherigen Erkenntnissen für ihre Entwicklung (Paarung, Larvenentwicklung) und Ernährung der adulten Fliegen unterschiedliche Lebensstätte (Habitate). In Oregon wurde ein Migrationsverhalten zwischen der Eiablage in Obstanlagen und den Aufenthaltsorten in Wäldern und Hecken mit einem breitem Nahrungsspektrum für die adulten Fliegen beobachtet. Insbesondere in Obstanlagen wurde das Aufsuchen benachbarter Bäume registriert. [5]

Aussehen

Die Kirschessigfliege wird 2 bis 4 mm lang. Sie hat einen honigfarbenen Körper und rote Augen.[4] Die Weibchen von Drosophila suzukii besitzen im Gegensatz zu ihren Männlichen Vertretern keine gepunkteten Flügel und können leicht mit heimischen Essigfliegen (D. melanogaster) verwechselt werden [2]. Die weißen, zylindrischen Larven (Maden) sind max. 3,5 mm lang. [7]

Nahrung

Die Larven der Kirschessigfliege ernähren sich vom Fruchtfleisch ihrer Wirtspflanze. Die ausgewachsenen (adulten) Fliegen hingegen ernähren sich von Honigtau, extraflorale Nektarien, Hefen, Bakterien von Blattoberflächen und Exsudaten von Blättern und Bäumen [5].

Paarungsfindung

Bei der Partnerfindung von Drosophila suzukii finden wie bei allen Drosophiliden sowohl chemische (Pheromone), optische und akustische Signale eine Rolle. Unmittelbar vor der Paarung sind offenbar akustische Signale von großer Bedeutung. [5]

Eiablage

Pro Weibchen werden etwa 2,7 Eier pro Frucht abgelegt. Im Einzelfall wurden 65 Tiere pro Frucht festgestellt. Pro Tag können die Weibchen zwischen 7 bis 16 Eier mit ihrem Legebohrer (Raspeleinrichtung im Abdomen) in die Früchte legen. Insgesamt kann ein Weibchen bis zu 400 Eier legen bzw. produzieren [1].

Larven und Verpuppung

Puppen in einer Kirschfrucht
Die Larven schlüpfen bereits einen Tag nach der Eiablage und beginnen im inneren der Früchte zu fressen. Es werden innerhalb von 5 bis 8 Tagen 3 Larvenstadien durchlaufen. Danach verpuppen sich die Larven. [4] Die Verpuppung kann innerhalb und außerhalb der Frucht statt finden.[1] Findet die Verpuppung innerhalb der Frucht statt, ragen die Puppen mit ihren Atemöffnungen aus der Frucht heraus. Die Verpuppung außerhalb der Frucht erfolgt in der Bodenstreu. [7].

Überwinterung

Drosophila suzukii überwintert als ausgewachsene Fliege (Adulte) an geschützten Plätzen, vorzugsweise in Siedlungsbereichen. An wärmen Tagen (Temperaturen ab 10 °C) verlassen die Fliegen das Quartier und gehen auf Nahrungssuche. Die Weibchen sind während der Überwinterung bereits begattet [5].

Klima

Drosophila suzukii bevorzugt gemäßigte Klimate, wodurch weite Teile Europas für eine Ansiedlung geeignet sind. Ausnahmen könnten kalte Gebiete (Teile Skandinaviens) und sehr heiße Gebiete (Südeuropa) sein, da Temperaturen über 30 °C die Aktivität und die Vermehrungsraten einschränken [1]. Die Kirschessigfliege bevorzugt höhere Luftfeuchtigkeit und warme Temperaturen zwischen 20° und 28 °C. [4]

Schadbild

Symptome auf einer Kirsche

Der Befall mit Drosophila suzukii wird durch kleine Stiche (kleine Beschädigungen) in der Fruchthaut sichtbar. Zudem zeigen sich auf der Oberfläche der Früchte weiche und eingedrückte Flecken. Diese Flecken entstehen durch die Fraßtätigkeit der Maden im Fruchtfleisch der Früchte. Solche Früchte beginnen sehr schnell um die Fraßstelle herum einzufallen. Sekundärinfektionen durch Pilze und Bakterien tragen zu einer weiteren Qualitätsverschlechterung der Früchte bei [2].


Regulierungsmaßnahmen

Insektizide

Eine Regulierung von Drosophila suzukii mit Insektiziden ist auf Grund der hohen Vermehrunsrate (mögliche Resistenzbildung, Rückstandproblematik) schwierig. Am wirksamsten haben sich derzeit breitwirksame Phosphorsäureester, Pyrethroide und der weniger umweltgefährdende Wirkstoff Spinosad erwiesen. Allerdings erzielten alle Wirkstoffe bei einem hohen Populationsdruck und Zuflug keine ausreichende Wirkung. Daher ist der Insektizid-Einsatz keine alleinige Lösung. [5]

Aktuelle Bekämpfungsmöglichkeiten für den Profi-Bereich

Natürliche Gegenspieler

Die natürliche, biologische Regulierung der Kirschessigfliege ist in den neuen Besiedlungsgebieten schwierig bzw. kaum vorhanden, da in der Regel noch keine natürlichen Feinde vorhanden sind.[1]

Als natürlicher Gegenspieler ist die Zerwespe Phaenopria spp. in der Literatur beschrieben und Ameisen sind allgemein als Gegenspieler von Drosophila-Arten bekannt [1]. Weiterhin sind als Larval-Pupalparasitoide bzw. reine Pupalparasitoide bekannt: Leptopilina-Arten (Gallwespen), Asobara-Arten (Brackwespen) und Trichobaria-Arten (Diapriidae (Zehrwespen)). Aus Frankreich wird berichtet, dass die in Europa heimischen Trichopria drosophilae (Familie Diapriidae, Zehrwespen) und Pachycrepoideus vindemmiae (Familie Pteromalidae, Erzwespen) die Fähigkeit besitzen, Drosophila suzukii zu parasitieren. Diskutiert wird ebenfalls der Einfluss der Familie der Augenfliegen (Pipunculidae), die bekanntermaßen adulte Drosophila-Fliegen parasitieren können. In Europa konnten im Freiland Parasitierungsraten von unter 10% erreicht werden. In Japan hingen lagen die Raten bei Leptopilina japonica bei 53% und bei Asorbara japonica bei 68% [5].

Aus Rebanlagen in Siebelingen am Institut für Pflanzenschutz in Obst- und Weinbau des Julius Kühn-Institutes (JKI) wurde in großer Häufigkeit der Pilz der Zygomycetengattung Entomophthora auf adulten Drosphiliden gefunden. Weiterhin sind Versuche mit insektenpathogenen Pilzen wie beispielsweise Beauveria in Bearbeitung. Als vielversprechend wird auch die Suche nach entomopathogenen Nudviren angesehen [5].

Massenfang

Optimierte Fallen können im Frühjahr, bei einer geringen Populationsdichte, eine Regulierungs-Methode sein. Allerdings ist der manuelle und zeitliche Aufwand sehr groß. Ab Herbst, wo die Individuenzahl der Kirschessigfliegen sehr hoch ist und die Wintersterblichkeit bei längeren Kälteperioden (< 10 °C) ohnehin zu hohen Verlusten führt, ist der Massenfang keine sinnvolle Regulierungs-Methode mehr.[5]

Entscheidungshilfen

Decision Support Systems wurden in Amerika als temperaturbasierte Modelle vorgestellt, die in begrenztem Umfang als Werkzeuge genutzt werden könnten. Untersuchungen hinsichtlich der Übereinstimmung der Daten mit der Entwicklung der Fliegen in den unterschiedlichen Jahreszeiten und in den verschiedenen Kulturen sind noch notwendig [5].

Einnetzen

Bei Beeren-Kulturen mit kurzen Erntefenstern kann ein Einetzen mit feinmaschigen Netzen (max. 8 mm Maschenweite) Sinn machen. Bei Kulturen, die kontinuierlich beerntet werden (z.B. Erdbeeren), kann es beim Öffnen der Netze zu Besiedlungen mit Drosophila suzukii kommen. Die Früchte sind durch das Einnetzen nur bis zum ersten Erntevorgang geschützt. [5]

Nacherntebehandlung der Früchte

Die Nacherntebehandlung der Früchte (auch Cold storage genannt) beruht darauf, die Früchte nach der Ernte bei Temperaturen knapp über 0 °C zwischen zu lagern und die Larven damit abzutöten. Bei Heidelbeeren konnte der Zerfall der Früchte, die bei der Ernte noch gesund erschienen, verlangsamt werden. Die Entwicklung der Larven in den Heidelbeerfrüchten wurde verhindert. Zu Bedenken bleibt, dass trotz dieser Lagerung vor der Vermarktung es nach dem Kauf der Früchte zu Beanstandungen kommen kann. [5]

Hygienemaßnahmen

Die Kirschessigfliege nutzt nicht geerntete Früchte und Früchte auf dem Kompost zur Vermehrung und möglicherweise auch als Überdauerungssubstrat. Überzählige und überreife Früchte können in Kunststoffbeuteln verpackt einige Tage der Sonnen ausgesetzt werden (= Solarization), um so die Larven in den Früchten abzutöten. Das Eingraben der Früchte war nicht zufrieden stellend. [5] Die Schwierigkeit der Hygienemaßnahmen besteht darin, dass sie in größeren zusammenhängenden Gebieten durchgeführt werden müssen. Aufgelassenen Obstanlagen oder Streuobstwiesen können zu einer hohen Populationsdichte führen. [6]

Weitere Überlegungen

Weitere Überlegungen gehen in Richtung „Habitatmanagement“, wo die Fliegen vor dem Einflug in die Ertragsanlage durch eine „Ablenkungsfrucht“ aufgehalten werden. [5]

Die „Paarungsstörung“ (Mating Disruption) durch akustische Signale wurde bei der Amerikanischen Rebzikade (Scaphoideus titanus) vielversprechend durchgeführt. Ob dieses Verfahren auch bei Drosophila suzukii anzuwenden ist, bleibt zu prüfen. [5]

An der Universität in Lund (Schweden) werden Versuche zur innerartlichen Kommunikation und geruchlichen Orientierung von Drosophila melanogaster über Pheromone und Duftstoffe untersucht. Da bei diesen Untersuchungen erste Erfolge zu verzeichnen sind, könnte es möglich sein, die anlockenden Stoffe für Drosophila suzukii zu finden und diese eventuell in Massenfang- oder Attract & Kill-Verfahren einzusetzen.[5]

Als langfristige, nachhaltige Bekämpfung der Kirschessigfliege werden die großen Unterschiede in der Anfälligkeit der Obstsorten beurteilt (Markergestütze Züchtung bzw. Smart Breeding). Um diese besser beurteilen zu können, müssen standardisierte Screeningverfahren entwickelt werden, die Aufschluss über die Faktoren für die Anfälligkeit der Sorten geben. [5]

Aus dem Heidelbeeranbau ist bekannt, dass frühe Sorten über eine sogenannte Pseudoresistenz verfügen. Diese entsteht aus dem Zusammenspiel zwischen der Phänologie der Pflanze und der Entwicklungsgeschwindigkeit (Populationsdynamik) der Fliege. Hingegen werden späte Heidelbeersorten stärker befallen. [5]

Wirtschaftliche Bedeutung

Aus den USA und aus Japan sind schwere Ertragseinbußen bekannt. Diese betrugen an Süßkirschen 75 bis 90% der Erntemenge. Obwohl sie in Europa erst seit dem Jahr 2009 bekannt ist, wurden in Südfrankreich die Erdbeeren im Jahr 2010 zu 80% geschädigt[8]

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k P. Baufeld, G. Schrader, J.-G. Unger: Die Kirschessigfliege – Drosophila suzukii – Ein neues Risiko für den Obst- und Weinbau. In: Journal für Kulturpflanzen, 62 (5), S. 183 – 186.
  2. a b c d Drosophila suzukii – Kirschessigfliege – Ein Schadorganismusder EPPO Altert List
  3. a b Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii). Landespflanzenschutzdienst Bozen. In: Merkblatt der Autonomen Provinz Bozen, Abteilung Landwirtschaft. 10.02.2011.
  4. a b c d Versuchszentrum Laimburg erforscht Kirschessigfliege (Drosophila suzukii), unter http://www.laimburg.it/de/1538.asp#anc1541
  5. a b c d e f g h i j k l m n o p q r H. Vogt, P. Baufeld, J. Gross, K. Köppler, C. Hoffmann: Drosophila suzukii: eine neue Bedrohung für den Europäischen Obst-und Weinbau. Bericht über eine Internationale Tagung in Trient, 2. Dezember 2011. In: Journal für Kulturpflanzen. 64, S. 68 – 72. 2012.
  6. a b c P. Baufeld: Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) – Eine ernstzunehmende Gefahr für den Obst- und Weinbau Europas. In: Spargel & Erdbeer Profi, 1/12. S. 71-73.
  7. a b H. Vogt und P. Baufeld: Die Kirschessigfliege, Drosophila suzukii, Eine neue Bedrohung für den Obst und Weinbau! In: Obstbau, 8/2011, S. 452 – 454.
  8. P. Baufeld: Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) – eine ernstzunehmende Gefahr für den Obst- und Weinbau Europas. In: Obstbau/Weinbau. 7/8 (2011), S. 240 – 242.

Siehe auch