Eh da Flächen

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Das Konzept der Eh da-Flächen

Die standortspezifische und vernetzende Aufwertung von Eh da-Flächen ist ein adäquates Instrument zur Förderung der Artenvielfalt in Agrarlandschaften und in Siedlungsbereichen (vgl. DEUBERT et al. 2016, KÜNAST et al. 2019). Dies wurde vom Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten Rheinland-Pfalz (MUEEF RLP) in seiner Biodiversitätsstategie 2015 & 2018 sowie in der darauf fußenden Aktion Grün verankert. Daneben wurde das Konzept gemeinsam mit der Gartenakademie Rheinland-Pfalz, die sich u.a. für mehr Vielfalt in Gärten einsetzt, auf der Landesgartenschau Landau 2015 präsentiert. Mittlerweile findet es in bundesweit verteilten Gemeinden (s.u.) Anwendung, wurde am 28.11.2018 durch Staatsministerin Ulrike Höfken (MUEEF RLP) zum ausgezeichneten Projekt der UN-Dekade biologische Vielfalt geehrt und mit 1320 Unterstützerstimmen zum Projekt des Monats März 2019 gewählt.

Logo Eh da-Flächen
Auszeichnung UN-Dekade Biologische Vielfalt

Definition & Schutzziele

Bei Eh da-Flächen handelt es sich um Offenlandflächen in Agrarlandschaften und Siedlungsbereichen, die sowieso vorhanden sind und weder einer landwirtschaftlichen Nutzung noch einer naturschutzfachlichen Pflege unterliegen. Das Konzept der Eh da-Flächen wurde zunächst auf die Lebensraumoptimierung für blütenbestäubende Insekten (Pollinatoren) - insbesondere Bienen (Honig- und Wildbienen) - ausgerichtet, da v.a. Wildbienen wichtige ökologische (z.B. auch Indikatoren für Biodiversität) wie auch ökonomische (z.B. Blütenbestäubung) Funktionen vereinen. Demzufolge ist ein Kernelement des Konzepts die Förderung und Vernetzung geeigneter Brut- und Sammelhabitat (kombinierte Lebensräume) für Wildbienen, da sie im Vergleich zur Honigbiene (mit bis zu 5km) geringere Sammelflugdistanzen zwischen 300-1500m zurücklegen können. Neben dem ersten Schutzziel "Bienen" können Eh da-Projekte diverse andere Schutzziele fokussieren: Nützlinge, Bodenlebewesen (Edaphon), Kleingewässerbewohner (v.a. Amphibien), Destruenten, gefährdete Pflanzenarten oder Standortvielfalt.

Gehörnte Mauerbiene

Hintergrund

In zahlreichen Publikationen ist der Rückgang der Artenvielfalt belegt, nicht zuletzt in der "Krefelder Studie" 2017 (vgl. HALLMANN et al. 2017). Zudem herrscht in Deutschland um das Gut „Fläche“ eine erhebliche Konkurrenz, da sie von Siedlungs- und Straßenbau, Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz und Tourismus beansprucht wird. Hier setzt das Eh da-Konzept an, indem vorhandene Flächenressourcen in offenen Agrarlandschaften sowie im Siedlungsbereich effizienter genutzt und gezielt aufgewertet werden. Viele Tier- und Pflanzenarten, zum Beispiel Blütenpflanzen, Wildbienen, Schmetterlinge, Schwebfliegen und Vögel, sind in der heutigen Agrarlandschaft selten geworden. Diesem Diversitätsverlust kann mit einer Vielzahl von Maßnahmen auch auf Eh da-Flächen entgegengewirkt werden. Nach der Potenzialstudie „Eh da-Flächen in der Agrarlandschaft“ aus dem Jahr 2014 des Instituts für Agrarökologie (IfA) der RLP AgroScience machen Eh da-Flächen einen nicht unerheblichen Anteil von 2-6% einer Landschaft in Abhängigkeit ihrer Struktur aus. Darin wurden geodatenbasierte Analyse- und Bewertungsmethoden entwickelt und angewandt, mit denen landschaftsbezogene Lokalisierungen, Quantifizierungen und Hot-Spot-Analysen von Eh da-Flächen möglich sind. Daneben wurde in der Studie auch erfasst, dass der vegetative Ausgangszustand von Eh da-Flächen zu ca. 80% aufgrund von Gräserdominanz als mäßig divers bis monoton einzustufen ist und damit ein erhebliches Aufwertungspotenzial bietet. Das Eh da-Konzept ist für Gebietskörperschaften - insbesondere Kommunen – ausgelegt, da hier diverse relevante lokale Akteure unter einem Dach vereint sind: kommunale Organe, Flächenbesitzer (z.B. Kommune, Landwirte, Gärtner), Vereine (z.B. Naturschutz, Imker, Dorfpflege), Behörden (z.B. Grünpflege, Schule, unterer Naturschutz) sowie Gemeindemitglieder. Das Konzept bietet damit sowohl Gemeinden als auch jedem einzelnen Bürger die Möglichkeit, an der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zur Förderung der Artenvielfalt aktiv mitzuwirken. Dabei dient der Einsatz diverser Kommunikationsmedien (Artikel in Presse, Amtsblatt, Homepage; Infotafeln; interaktive WebMapAnwendungen (vgl. SEIPP et al. 2018)) zur transparenten Information und Beteiligung der Bürger. Die erste Eh da-Gemeinde ist Bornheim in der Pfalz. Mit Stand vom Juli 2019 wird das Eh da-Konzept in über 30 Einzelgemeinden, 3 Verbandsgemeinden, 3 Städten und 1 Landkreis bundesweit angewandt.

Beispiele für Eh da-Flächen

In der Regel lassen sich Eh da-Flächen in zwei Haupttypen unterteilen: longitudinale Flächen, die sich über große Distanzen erstrecken, insbesondere entlang von landschaftszerschneidenden Achsen (z.B. Verkehrswege oder Gewässer), und kompakte Flächen, z.B. Gemeindeflächen, ungenutzte Zwickel oder Unland. Die Liste der hier vorgestellten Kategorien von Eh da-Flächen ist nicht vollständig, soll dennoch das Differenzieren und Erkennen von Eh da-Flächen erleichtern.

Wegbegleitende Eh da-Flächen

Straßenböschungen und Wegbegleitflächen erstrecken sich häufig über mehrere Kilometer entlang von Orts-, Kreis-, Landes- und Bundesstraßen oder Wirtschaftswegen. Obwohl sie häufig länglich geformt sind, ergeben sie aufgrund ihrer Länge große zusammenhängende Flächen und können auch Breiten von bis zu 10m ausmachen. Sie können Nahrungsquellen (z.B. Blüten mit Nektar) und Kleinhabitate für viele Tierarten bereitstellen und als Wandertrassen und Verbindungslinien (Trittsteinbiotope) mit anderen Lebensräumen fungieren.

gräserdominierte Böschung

Verkehrsinseln

Verkehrsinseln sind flächig und im Gegensatz zu den Straßenböschungen oft besser vor den Auswirkungen des Straßenverkehrs geschützt. Da sich die Natur auf größeren Verkehrsinseln wie zum Beispiel bei Autobahnkreuzen weitgehend ungestört entwickeln kann, weisen diese Lebensräume oftmals eine reichhaltige Fauna und Flora auf.

gräserdominierte Verkehrsinsel

Kommunale Grünflächen

Innerhalb des Siedlungsbereichs finden sich zahlreiche Eh da-Flächen. Dies sind insbesondere Grünflächen um öffentliche Einrichtungen, Freizeitflächen, Grünanlagen oder Parks. Solche Flächen werden häufig nicht naturschutzfachlich genutzt und ihre Bearbeitung beschränkt sich auf regelmäßige Mahd, um möglichst effizient Flächenpflege zu betreiben und Unkrautdruck zu mindern (s. Unkräuter im kommunalen Bereich oder Alternative Unkrautbekämpfung auf Wegen und Plätzen).

kommunale Eh da-Fläche

Zwickel in der Agrarlandschaft

Dies sind Eckflächen sowie Unlandflächen in der Agralandschaft, die aufgrund ihrer Form oder Beschaffenheit dauerhaft nicht bewirtschaftet bzw. genutzt werden.

Zwickel in der Agrarlandschaft

Bahnbegleitflächen

Bahndämme gehören zu den interessantesten und artenreichsten Eh da-Flächen in Deutschland. Sie bieten mit ihrer wenig gemähten Vegetation in Verbindung mit sonnenbeschienenen Schotterflächen vielen Arten einen Lebensraum. Insbesondere wärme- und trockenheitsliebende Arten finden hier geeignete Bedingungen vor. Die Beeinträchtigung von Flora und Fauna durch den Bahnverkehr ist gering.

Wasseranlagen und Dämme

Auch Hochwasserdämme und Deiche bieten zahlreiche Lebensräume, die auch seltene Arten beheimaten. Hochwasserdämme verbinden Habitate häufig über lange Strecken und bieten zwischen der Wasserseite und den landwirtschaftlichen Nutzflächen auf der anderen Seite oft Rückzugsräume oder blühende Nahrungsinseln für Insekten.

Aufwertungsmaßnahmen

Zur standortspezifischen Aufwertung von Eh da-Flächen wurden unterschiedlichste Maßnahmen zur Förderung der Artenvielfalt zusammengetragen. Dabei werden grundlegend bestandserhaltende Flächenpflegen von Neuanlagen unterschieden. Letztere sind insbesondere die Anlage von Niststrukturen wie Stein- oder Biotopholzhaufen, Insekten-Nisthilfen oder Rohboden und die Schaffung von Nahrungsquellen wie die Aussaat von autochthonem Saatgut (s. Bienenweidemischung), das Anlegen von Blumenwiesen oder das Pflanzen blütenreicher Stauden und Gehölzen (s. Bienenfutterpflanzen). Daneben können geeignete Pflegemaßnahmen Staffelmahden (optimal mit Abtransport des Schnittguts und Stängelerhalt über Winter) v.a. zur Blütenförderung oder die Vermeidung von Verbuschung durch Freischneiden mit Totholzerhalt sein. Mahden bzw. Offenhaltung von Eh da-Flächen kann z.B. auch durch Schafbeweidung erfolgen, die insbesondere durch Pflanzensamentransport mit Hilfe ihres Fells Samenaustausch fördern (s. www.biodiversitaetstaxis.de). Das Material für Aufwertungsmaßnahmen inklusiver deren Konzipierung können bundesweit von der Aktion Blauer Adler der Allianz Umweltstiftung durch ortansässige Vertretungen gefördert werden. Konkret in Niedersachsen können Förderungen bei der Bingo-Umweltstiftung beantragt werden.

aufgwertete Eh da-Fläche in Neustadt/Wstr. mit mehrj. Blühstreifen, Nistmöglichkeiten & Infotafel am 5.6.2018

Weblinks

Allgemein

Videos

Aktive Eh da-Kommunen (Auszug)

Interaktive Webanwendungen

Publikationen

  • BOLZ, H.; DEUBERT, M.; TRAPP, M. (2015): Eh da-Flächen. In: ArcAktuell 2/2015: Städte und Dörfer: Nachhaltig gestalten, 16-17. Internet: www.arcaktuell.de/...Eh da-Flächen (04.12.2018).
  • DEUBERT, M.; TRAPP, M.; KROHN, K.; ULLRICH, K.; BOLZ, H.; SEIPP, M.; KÜNAST, R.; KÜNAST, C. (2018): Das Konzept der Eh da-Flächen: Ein Weg zu mehr biologischer Vielfalt in Agrarlandschaften und im Siedlungsbereich. In: Bayerischer Gemeindetag 2, 2018, 54-61. Internet: www.bay-gemeindetag.de/Informationen/ZeitschriftBayerischerGemeindetag (04.12.2018).
  • DEUBERT, M.; ULLRICH, K.; TRAPP, M.; KÜNAST, C.; KROHN, K. (2017): Vielfalt ohne Flächenverlust. In: DLG-Mitteilungen, 3/2017, 66-67.
  • KÜNAST, C.; KROHN, K. (2010): Flächen die eh da sind: Lebensräume für Bienen und mehr. In: Deutsches Bienen-Journal, 02/2010.
  • KÜNAST, R. (2017): Entomologische Diversität auf Eh da-Flächen. Bachelorarbeit, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
  • KÜNAST, C.; DEUBERT, M.; KÜNAST, R.; TRAPP, M. (2019): Die Eh da-Initiative. Mehr Platz für biologische Vielfalt in Kulturlandschaften. In: Biologie in Unserer Zeit 48, 1/2019, 28-38. Internet: https://doi.org/10.1002/biuz.201910665 (12.02.2019).
  • LÜCKMANN, J.; BURGER, R. (2014): Eh da-Flächen in der Praxis – Umsetzung standortspezifischer Aufwertungsmaßnahme am Beispiel der Gemarkung Bornheim.
  • LÜCKMANN, J.; BURGER, R.; DIESTELHORST, O.; HANEBECK, I. (2014): Die Bedeutung ausgesuchter Eh da-Flächen in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen für die Wildbienen und Grabwespenfauna sowie für Honigbienen im Sommer 2013. Internet: http://eh-da-flaechen.de/files/rifcon-potenzialstudie.pdf (18.12.2018).
  • ULLRICH, K.; DEUBERT, M.; TRAPP, M. (2016): Vorhandenes besser nutzen. In: Der Bauhofleiter 5/2016, 8-13.

Weiterführende Literatur

  • HALLMANN, C. A.; SORG, M.; JONGEJANS, E.; SIEPEL, H.; HOFLAND, N.; SCHWAN, H. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE 12(10): e0185809. Internet: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809 (09.09.2019).
  • KIBELE, J.; AUGUSTIN, B.; BEHMANN, J. C. (³2018): Das 1x1 des Bauhofs. Forum Verlag Herkert, 508 S.
  • KOTREMBA, C.; CZERKUS, G.; MAGIN, K.; DEUBERT, M.; TRAPP, M.; ULLRICH, K. (2018): Ein innovatives Konzept zur Förderung der Wanderschäferei und Biotopvernetzung: Maschinelles Lernen zur Detektion neuer Weidepotentiale und geodatenbasierte Triebwegesimulationen in der Westeifel. In: Naturschutz und Landschaftsplanung 50 (9), 2018, 314-324.
  • LANG, S.; BLASCHKE, T. (2007): Landschaftsanalyse mit GIS. Ulmer, Stuttgart, 405 S.
  • POSCHLOD, P.; BRAUN-REICHERT, R. (2017): Small natural features with large ecological roles in ancient agricultural landscapes of Central Europe - history, value, status and conservation. In: Biological Conservation 211 B, July 2017, 60-68. Internet: http://dx.doi.org/10.1016/j.biocon.2016.12.016 (09.09.2019).
  • RECKHAUS, H.-D. (2017): Why Every Fly Counts. A Documentation about the Value and Endangerment of Insects. Springer.
  • WEISSER, W. W.; ROSCHER, C.; MEYER, S. T.; EBELING, A.; LUO, G. J.; ALLAN, E.; BESSER, H.; BARNARD, R. L.; BUCHMANN, N.; BUSCOT, F.; ENGELS, C.; FISCHER, C.; FISCHER, M.; GESSLER, A.; GLEIXNER, G.; HALLE, S.; HILDEBRANDT, A.; HILLEBRAND, H.; DE KROON, H.; LANGE, M.; LEIMER, S.; LE ROUX, X.; MILCU, A.; MOMMER, L.; NIKLAUS, P. A.; OELMANN, Y.; PROULX, R.; ROY, J.; SCHERBER, C.; SCHERER-LORENZEN, M.; SCHEU, S.; TSCHARNTKE, T.; WACHENDORF, M.; WAGG, C.; WEIGELT, A.; WILCKE, W.; WIRTH, C.; SCHULZE, E. D.; SCHMID, B.; EISENHAUER, N. (2017): Biodiversity effects on ecosystem functioning in a 15-year grassland experiment: Patterns, mechanisms, and open questions. In: Basic and Applied Ecology, 2017, 23: 1-73, Internet: https://doi.org/10.1016/j.baae.2017.06.002 (09.09.2019).
  • WESTRICH, P. (2018): Die Wildbienen Deutschlands. Ulmer, Stuttgart, 824 S.
  • ZURBUCHEN, A.; MÜLLER, A. (2012): Wildbienenschutz - von der Wissenschaft zur Praxis. Zürich, Bristol-Stiftung: Bern, Stuttgart, Wien.